Das Leben, umarmt ... Mark Wahlberg - Schauspieler - spielt die Hauptrolle in "Shooter" (Kinostart: 19.04.)
© Paramount / Norbert Kesten
Mark Wahlberg stellte einen Film "Shooter" in Berlin vor.
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(tsch) Dirk Diggler besiegte Marky Mark. Seiner Rolle in der Tragikomödie "Boogie Nights" (1997) über die Pornoindustrie an der US-amerikanischen Westküste hat Mark Wahlberg viel zu verdanken. Ehemals Möchtegern-Rapper, Unterwäschemodel und Gefängnisinsasse - nun ein gefeierter Filmstar. Viel Arbeit und Zeit hat es ihn gekostet, aber es brachte auch die Erkenntnis, dass das große Geld nur ehrlich zu verdienen ist. Mit seinem Ja zum Leben und zur ernsthaften Hollywood-Karriere begann sein Aufstieg zum ambivalenten Action-Helden, der Gefühle zeigen kann. Zuletzt machte Wahlberg in Martin Scorseses "Departed - Unter Feinden" als launischer, aber am Ende standhafter Polizist von sich reden. In seinem neuen Film "Shooter" (Kinostart: 19.04.) ist er erneut der harte Kerl, der es mit allen aufnimmt. Im Interview spricht der 35-Jährige über seine dunkle Vergangenheit und erklärt, wieso es manchmal besser ist, mit allem aufzuräumen.
teleschau: "Shooter" ähnelt in seiner Tabula-rasa-Mentalität im Umgang mit dem Bösen auf der Welt dem Kino der 70er-Jahre: Wie sehr haben Sie diese Filme beeinflusst, als Sie in jüngeren Jahren mit Zorn auf das Establishment Schlagzeilen machten?
Mark Wahlberg: Ich habe schon in den 70er-Jahren all diese typischen Genre-Filme gesehen, die genau die gleiche inhaltliche Ausrichtung hatten. Doch war ich immer in Begleitung meines Vaters und genoss es einfach nur, mit ihm im Kino zu sitzen. Ich war noch viel zu jung, um mir mit dieser Mentalität selbst Probleme aufzuhalsen. Wir waren neun Geschwister, also klammerte ich mich an jede Möglichkeit, ein bisschen Zeit mit meinem Vater allein zu haben. Es war eine ganz andere Zeit, als ich wirklich ruhelos und zornig wurde. Da ging ich längst nicht mehr ins Kino.
teleschau: War es eine bewusste Entscheidung, dem Film eine bewusst basisdemokratische Aussagekraft zu verleihen: Entscheidungsgewalt nicht in die Hände der Politiker, sondern in die Hände der einfachen Leute?
Wahlberg: Unser maßgebliches Ziel war es, das Publikum zu unterhalten. Daher hatte der Film ursprünglich auch ein vollkommen anderes Ende, quasi wie in "Die drei Tage des Condor", wo ich einfach in einer Menschenansammlung verschwinde und niemand so reicht weiß, was die Zukunft bringt. Doch die Leute waren damit einfach nicht zufrieden. Also drehten wir das neue Ende, das klare Verhältnisse schafft.
teleschau: Wie hat sich Ihre Lebenseinstellung im Laufe der Jahre verändert?
Wahlberg: Ich bin außerordentlich optimistisch und sehe nur darin den Sinn des Lebens. Ich werde nicht die Dummheit begehen, nochmals auf die dunkle Seite zu wechseln. Dort war ich schon, und es hat mir nicht gut getan. Die nächsten amerikanischen Präsidentschaftswahlen zeichnen sich am Horizont ab, und wir können damit Geschichte schreiben, dass wir die erste Frau oder den ersten Afroamerikaner zum Präsidenten wählen.
teleschau: Hatte die Schauspielerei eine therapeutische Wirkung für Sie?
Wahlberg: Definitiv ja. Indem ich all die unterschiedlichen Charaktere verkörpern konnte, war ich in der Lage, meine Dämonen zu demaskieren und zu bekämpfen. Daher suche ich mir bewusst Rollen aus, in die ich tief eintauchen kann und in denen ich mich wirklich vom ersten Drehtag an bis zum Schluss in einen anderen Menschen verwandeln kann, um danach alles von mir abzustreifen und nie zurückzublicken.
teleschau: Wie schnell verschwanden Ihre Dämonen?
Wahlberg: Es hat Jahre gedauert, bis ich sie vollständig besiegt hatte. Das Leben ist ein Marathon, und man lernt erst nach und nach, erwachsen zu werden und welche Chancen und Gefahren das Leben für einen persönlich bereithält. Seit ich erkannt habe, dass ich das Leben umarmen und nicht bekämpfen muss, ist es sehr gut zu mir gewesen. Doch das bewahrt mich nicht davor, manchmal plötzlich wieder Gefahr zu laufen, rückfällig zu werden und verrückte Gedanken zu haben.
teleschau: Wie gingen Sie in der Vergangenheit mit Vorwürfen um, Sie seien ein Rassist?
Wahlberg: Ich kann nicht kontrollieren, was über mich gesagt oder geschrieben wird. Ich bin in einer sehr merkwürdigen Gegend aufgewachsen. Wenn man dort nicht gelebt hat, kann man das nicht nachfühlen. Ich habe aber aus meinen Fehlern gelernt und bereue es, den Leuten, die sich um mich sorgten und es nicht verdient haben, Schmerz zugefügt zu haben. Und ich habe hart für meine Fehler büßen müssen.
teleschau: Waren Sie auf Hilfe angewiesen?
Wahlberg: Ich wäre heute nicht in dieser Position, wenn es bestimme Leute nicht geben würde. Vor allem mein Bruder Donny hat mich gerettet: Als ich aus dem Gefängnis kam, hat er mein Rapalbum finanziert, was ein großer Schritt für mich war, um meine Probleme hinter mir zu lassen. Doch auch Father Flavin, der mein Gemeindepriester war seit meiner Jugend, hat mir viel gegeben. Ich wuchs in der Kirche auf, hatte mich irgendwann aus Trotz von ihr abgekehrt und musste schnell erkennen, wo mich dieser Eigennutz hingebracht hatte. Nach dieser Erkenntnis und der Neujustierung meines Schicksals ging es nur noch bergauf.
teleschau: Inwiefern hat Sie Ihre Gefängniszeit verändert?
Wahlberg: Das Gefängnis hat mich natürlich wachgerüttelt. Doch erst einmal musste ich mit der Situation vor Ort zurechtkommen, was in erster Linie bedeutete zu überleben. Danach aber stand für mich fest, nie wieder in eine Gefängniszelle zurückzukehren.
teleschau: Wieso sind Sie in Filmen so häufig als harter Mann zu sehen?
Wahlberg: Mit Rollen wie in "Departed", "Fear" oder "Jim Carroll - in den Straßen von New York" habe ich diesen Zorn wieder aufleben lassen. Doch ich kann auch Gefühle zeigen, was in Filmen wie "Boogie Nights" oder "Three Kings" zu sehen ist, wo ich in mehreren Szenen geheult habe wie ein Baby. Meine Lieblingsrollen sind aber die, wo ich harte Kerle spielen kann, die Gefühle zeigen. Damit kann ich mich identifizieren. Mein Vater ist ein harter Mann, doch schämt er sich nicht für seine Tränen. Mittlerweile weint er fast ständig, weil er so stolz auf seine Kinder ist. Daran ist nichts falsch.
teleschau: Sind Sie das Ideal eines neuen Actionhelden?
Wahlberg: Ich bin einfach froh, dass ich in der Art von Filmen spielen kann, die ich mir auch selber gerne anschauen würde. Und je erfolgreicher man wird, desto mehr Freiheit genießt man bei der Rollenwahl. Matt Damon und ich versuchen gerade einen Film auf die Beine zu stellen, in dem zwei Brüder aus Massachusetts ihr hartes Leben mit Boxen verdingen. Wir trainieren schon fleißig.
teleschau: Wann werden Ihre Kinder Ihre Filme sehen dürfen?
Wahlberg: Ich habe bereits einige Filme gemacht, die schwer zu erklären sind, wie "Boogie Nights" zum Beispiel. Dabei ist mir all der Gewalt-Kram völlig egal. "Shooter" ist gar nichts zu dem, was ich früher gemacht habe. Wenn meine Kinder in dem Alter sind, sich das anzuschauen, wird es ohnehin lächerlich aussehen mit all dem Kunstblut. Aber Sex ist eine ganz andere Sache und gerade für Kinder schwer zu verstehen. Ich werde aber ein guter Vater sein und ihnen beibringen, was richtig und falsch ist. Mit dem nötigen moralischen Rüstzeug können sie dann auch gerne meine Filme sehen - und werden dann sicherlich über mich lachen und sagen, ich sei ein fürchterlicher Schauspieler.
teleschau: Haben Sie auch schon eine Ausrede dafür, dass Sie eines Ihrer Bücher Ihrem Penis gewidmet haben?
Wahlberg: Bis meine Kinder lesen können, hoffe ich, all diese Bücher auftreiben und verbrennen zu können. Ich habe viele dumme Dinge getan. Mein Vater hat für all den Mist, den er angestellt hat, nie Zeugnis ablegen müssen. Nichts davon ist dokumentiert. Mein Problem ist, dass viele meiner Ausrutscher verfilmt oder publiziert worden sind. Ich bin fix und fertig. (lacht)
teleschau: Können Sie mittlerweile über Ihr altes Ich lachen?
Wahlberg: Marky Mark, Unterwäschemodel, all das: Ich kann schon über mich selbst lachen. Doch als ich ein ernsthafter Schauspieler werden wollte, wäre es mir lieber gewesen, wenn ich all diese Etappen meines Lebens aus der öffentlichen Erinnerung hätte löschen können. Aber heute verhält es sich genau entgegengesetzt: Weil ich mir trotz alldem eine Karriere als Schauspieler aufgebaut habe, ist der Erfolg umso wertvoller.
teleschau: Wie sehr hängen Sie an Ihrem Beruf?
Wahlberg: Ich würde mich als leidenschaftlich einstufen, wenn es um die Schauspielerei geht. Süchtig bin ich keineswegs danach. Bei manchen Kollegen nimmt das schon fast alberne Ausmaße an, wenn sie doch tatsächlich davon überzeugt sind, die Welt retten zu können. Dabei sind sie nur Schauspieler.
teleschau: Ist die Schauspielerei für Sie also nur ein Job?
Wahlberg: Ich habe mich vor langer Zeit, als ich für die Hauptrolle in "Boogie Nights" unterschrieben habe, entschieden, dass ich mich nicht mehr darum schere, was die Leute in der Nachbarschaft über mich sagen. Für eine Weile habe ich mir aber genau darüber den Kopf zerbrochen: Gerne spielte ich den harten Kerl, aber Gefühle zeigen? In "Boogie Nights" sollte ich schwach, verletzlich und unschuldig sein. Das widersprach so ziemlich allem, was bis dato meine gesamte Existenz ausgemacht hat. Ich kämpfte meine ganze Jugend dafür, hart zu sein. Doch ich lernte, dass Schauspieler zu sein bedeutet, alles sein zu dürfen.
teleschau: Geht es nicht auch um viel Geld?
Wahlberg: Ich kenne Leute, die womöglich Selbstmord begehen würden, wenn sie so viel oder wenig Geld haben würden wie ich. Doch ich gebe mein Geld aus, so als würde es bald aus der Mode kommen. Natürlich lege ich aber einen Teil für meine Familie zurück und kümmere mich um meine Freunde. Denn darum geht es doch: Was ist Geld wert, wenn man es nicht benutzt? Mein Manager verliert regelmäßig die Nerven, weil ich mir einfach gerne etwas kaufe. Meine Philosophie ist: Wenn ich Geld ausgebe, dann verdiene ich mir wieder etwas.
-- Leif Kramp (© teleschau - der mediendienst)
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