Wie heiße Suppe die Welt veränderte Volker Schlöndorff verfilmte mit "Strajk - Die Heldin von Danzig" ein Stück polnischer Geschichte
© BR / Ralf Wilschewski
Volker Schlöndorffs "Strajk - Die Heldin von Danzig" wurde vom Bayerischen Rundfunk ko-produziert.
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(tsch) Danzig ist seine Stadt. Bereits zum dritten Mal hat Volker Schlöndorff (67) in der polnischen Ostsee-Metropole einen Film gedreht. In "Strajk - Die Heldin von Danzig" (Bundesstart: 08.03.) widmete er sich einem großen historischen Ereignis, das von einer kleinen Frau ausgelöst wurde. Weil die Arbeiterin Anna Walentynowicz gefeuert wurde, streikte zunächst die Werftbelegschaft in Danzig, und später halb Polen. Der Beginn der Solidarnosc-Bewegung war das Ende des Ostblocks. Nach den Literaturverfilmungen "Die Blechtrommel" (1979) und "Der Unhold" (1996) bedeutete der Dreh für den Regisseur die Rückkehr in ein geliebtes Land. Doch bevor es um Veränderungen, Missverständnisse und die Verantwortung des Einzelnen geht, revidiert Volker Schlöndorff, der im Mai mit den Dreharbeiten des 20-Millionen-Euro Projektes "Die Päpstin" beginnt, - sehr gern - erst einmal sein eigenes Urteil. Der Oscar-Preisträger (für "Die Blechtrommel") war sich nämlich kurz vor der diesjährigen Preisverleihung nicht mehr so sicher, ob es auch für "Das Leben der Anderen" reichen würde. Es hat gereicht.
teleschau: Vor ein paar Jahren sagten Sie noch, dem deutschen Film fehle es an Weltläufigkeit ...
Volker Schlöndorff: Das hat sich Gott sei Dank geändert. Es gab in den letzten drei, vier Jahren eine überwältigende Resonanz - auch im Ausland. Deutsche Filme werden wahrgenommen und anerkannt. Es ist eine tolle Generation, die da gerade arbeitet.
teleschau: Was zeichnet diese Generation aus?
Schlöndorff: Sie hat ein größeres Selbstbewusstsein. Die Filmemacher haben ihren eigenen Ton gefunden und imitieren nicht mehr vor allem aus Amerika importierte Genres. Sie erzählen eigene Geschichten im eigenen Stil. Und es gibt bei uns tolle Schauspieler.
teleschau: So wie Katharina Thalbach. Wann stand fest, dass sie die Hauptrolle in "Strajk", die resolute Agnieszka, spielen soll?
Schlöndorff: Ich hatte das Drehbuch noch nicht einmal fertig gelesen und dachte schon an sie. Es war eine Traumrolle. Das sagte ich ihr, und Katharina Thalbach war derselben Meinung. Wir hatten dann einen Moment Zweifel, ob wir den Film als Deutsche überhaupt machen könnten. Die haben wir aber gemeinsam weggefegt. Kathi war dann auch am Drehort die unbestrittene Heldin und eroberte ganz schnell alle Herzen.
teleschau: Es ist in der Tat ein wenig ungewöhnlich, dass Sie als Deutscher ein so wichtiges Kapitel jüngerer polnischer Geschichte verfilmen. Haben Sie eine persönliche Beziehung zu Polen?
Schlöndorff: Nein, es gibt eigentlich keinerlei Verbindungen, obwohl es schon mein dritter "polnischer" Film ist. Insofern habe ich dann doch eine Beziehung dorthin. Das fing mit der "Blechtrommel" an, als ich dachte: "Ich mache einen Film über einen Zwerg." Und dann wurde es ein Film über Polen - ein Land, in dem ich gerne bin und in dem ich viele Freunde habe.
teleschau: Haben Sie sich deshalb um den Film bemüht?
Schlöndorff: Dass ich "Strajk" gemacht habe, hat seine Ursprünge in einer ganz normalen Neugier. Als wir "Der neunte Tag" (ARTE, Freitag, 06.04., 20.40 Uhr) drehten, kam der Produzent Jürgen Haase mit dem Stoff zu mir. Eine Absolventin der Münchner Filmhochschule, Sylke Rene Meyer, hatte einen Dokumentarfilm über Anna Walentynowicz, die wahre Heldin von Danzig, gedreht und daraus ein Spielfilm-Drehbuch entwickelt. Ursprünglich war allerdings nur geplant, einen Film für den Bayerischen Rundfunk in deutscher Sprache zu machen.
teleschau: Das Projekt wurde dann aber doch ziemlich groß. Gab es von polnischer Seite Vorbehalte?
Schlöndorff: Überhaupt nicht, zu keiner Zeit. Ich habe durch "Die Blechtrommel" einen guten Ruf in Polen. Niemand hat versucht, mir den Film auszureden. Im Gegenteil, wir hatten jede Hilfe, die wir brauchten - ob das von der Werft war oder vom polnischen Filminstitut. Außerdem fand ich es spannend, auf einer Werft zu drehen, die demnächst abgewickelt wird, und den letzten proletarischen Film dort zu machen.
teleschau: Sprechen Sie Polnisch?
Schlöndorff: Nach dem dritten Film in Polen hat man natürlich ein paar Worte aufgeschnappt. Außerdem absolvierte ich einen Sommer lang einen Crash-Kurs. Aber ich konnte mich gerade so durch die Dialoge buchstabieren. Ich habe die Schauspieler also vor allem mit Intuition und nach der Sprachmelodie geführt.
teleschau: Stichwort Melodie. Die Musik stammt von Jean Michel Jarre, und man reibt sich ob der unerwarteten elektronischen Klänge anfangs die Ohren ...
Schlöndorff: Die Musik ist in der Tat ein Ereignis und gibt dem Film das Heutige. Sie existierte bereits vor Beginn der Dreharbeiten. Jean Michel Jarre gab im August 2005 zum 25-jährigen Jubiläum des Streiks ein großes Konzert auf der Werft. Speziell dafür komponierte er die Musik. Ich war zufällig vor Ort und begeistert. Bei der "Blechtrommel" hat sein Vater (Oscar-Preisträger Maurice Jarre, Anm. d.Red.) die Musik geschrieben, nun machte es der Sohn. Und beide Filme spielen in Danzig. Mir gefiel sofort, dass er die Werftgeräusche, dieses metallische Hämmern einbaute. Mich faszinierte der moderne Klang. Ich wollte ja keine Geschichtsstunde halten, sondern den Film von heute her erzählen.
teleschau: Es gab aber einige Missverständnisse im Vorfeld. Anna Walentynowicz, das reale Vorbild für ihre Heldin Agnieszka, hatte kein Verständnis für den Film.
Schlöndorff: Sie war wohl schon immer ein wenig starrsinnig, ist es auch heute noch (lacht). Frau Walentynowicz hat mir zwar erzählt, wie es damals war, was dann auch so im Drehbuch stand. Aber sie wollte nicht, dass wir darüber einen Film machen. Sie ist mittlerweile 78 und hat ihr Leben lang hart gearbeitet. Es wäre ungerecht, ihr irgendwelche Vorwürfe zu machen.
teleschau: Hat sie sich vielleicht deshalb gewehrt, weil es ein Heldenepos über sie geben sollte, obwohl sie nie eine Heldin sein wollte?
Schlöndorff: Nicht ganz. Aber sie glaubt in der Tat, dass sie ganz unwichtig war. "Man müsste doch eigentlich einen Film machen, der da anfängt, wo ihr Drehbuch aufhört", sagte sie mir bei unserem einzigen Treffen. "Nämlich darüber, was aus Solidarnosc geworden ist und wie unsere 21 Punkte verraten wurden." Und dann setzte sie zu einem verbalen Feldzug gegen die polnische Innenpolitik an. Die wichtige Rolle, die sie selbst spielte, ist ihr gar nicht bewusst.
teleschau: Wie sieht sie denn ihre Rolle?
Schlöndorff: Sie sagte, es wäre bei dem Streik vor allem um die freien Gewerkschaften gegangen, nicht um sie. Diese Bescheidenheit ehrt sie. Tatsache ist aber, dass die Leute aus einem bestimmten Grund streikten: Die Arbeiter wollten, dass Anna Walentynowicz nach ihrer Kündigung wieder eingestellt wird. Sie war nach 30 Jahren auf der Werft sehr populär. Ich finde es spannend, dass jemand, der eigentlich nur wollte, dass die Suppe noch heiß ist, wenn die Arbeiter Mittagspause haben, so viel bewirken kann. Sie fuhr mit der Kelle und dem Kübel über das Werftgelände und veränderte die Weltgeschichte. Das zeigt, dass jeder in seinem eigenen Leben Verantwortung übernehmen kann. Wenn man sagt: "Eine Schweißnaht muss stimmen, sonst sterben später hunderte Menschen" dann spielt man eine Rolle. Anna Walentynowicz hat mir bei unserem einzigen Treffen gesagt, dass sie nur Heldin der Arbeit wurde, weil sie nicht wollte, dass die Schiffe untergehen. Das ist eine großartige Haltung ...
teleschau: ... die sie nie aufgegeben hat, wie die letzten Bilder am Strand von Danzig mit der Werft im Hintergrund zeigen.
Schlöndorff: Ihre Figur sollte man als Vorbild sehen und Veränderungen eben nicht nur Politikern oder Gewerkschaftern überlassen. Es kommt immer auf den Einzelnen an - genau das steckt in "Strajk". Dass man auch ohne großes politisches Programm viel bewegen kann. Dafür steht Anna Walentynowicz.
teleschau: Mit dem Streik begann die Auflösung des Ostblocks. Kurz vorher drehten sie "Die Blechtrommel" in Danzig. Haben Sie bei den Dreharbeiten schon etwas von den kommenden Ereignissen geahnt?
Schlöndorff: Wir spürten damals alle, dass die Situation explosiv war, die Menschen wurden unglaublich nervös. Es gab zahlreiche Auseinandersetzungen mit den Behörden, wir durften hier nicht drehen und da nicht hingehen. Die Autoritäten waren überreizt, sie ahnten wohl, dass da etwas im Kommen ist und sie den Laden nicht mehr lange zusammenhalten können.
teleschau: 25 Jahren später kamen sie zurück nach Danzig. Was hat sich verändert?
Schlöndorff: Alles. Und zwar zum Besseren. Ich hatte das Gefühl, dass die Geschichte manchmal doch Fortschritte macht. Damals war die Stadt unfrei. Wenn überhaupt, dann haben die Leute nur hinter vorgehaltener Hand mit mir gesprochen. Es gab nicht einmal gemeinsame Abendessen im Team. Jetzt war da eine Freiheit im Umgang miteinander und es herrschte eine wunderbare Stimmung unter den Polen selbst. Natürlich spielte eine Rolle, dass es Spätsommer an der Ostsee war, eine Zeit voller Leben und Musik. In demselben Danzig, das damals so unterdrückt war. Es war toll, das zu sehen.
teleschau: Unterscheidet sich die polnische Seele sehr von der deutschen?
Schlöndorff: Die Polen haben ein starkes träumerisches Element und gehen dadurch Dinge an, bei denen wie nur abwinken würden: Sich mit einer kleinen Solidnarnosc-Bewegung einfach gegen die Machthaber zu stellen, ist wie mit der Kavallerie gegen Panzer loszugehen. Es ist aber immer wieder schön, dass die Polen ihre Träume und Ideen für unwiderstehlich halten. Sie glauben an Wunder, und sind in ihrer Geschichte ja auch einige Male auf wundersame Art gerettet worden. Das hat sehr sympathische und menschliche Züge.
teleschau: Welche Reaktion erwarten Sie vom polnischen Publikum auf den Film?
Schlöndorff: Die Wellen werden natürlich hoch schlagen. Einerseits hoffe ich, dass das Publikum den Film akzeptieren wird. Andererseits besteht die Gefahr, dass die politischen Parteien verschiedener Couleur ihn benutzen werden. Es gibt zurzeit große Spannungen im deutsch-polnischen Verhältnis, und ich befürchte, dass der Film politisch verheizt wird.
teleschau: War das bei den Dreharbeiten auch schon zu spüren?
Schlöndorff: Es war gerade Wahlkampf, und ich fand es befremdlich, dass einer der Kandidaten wegen seiner deutschen Herkunft unter anderem als Kollaborateur verunglimpft und mit fiesen Methoden fertiggemacht wurde. Aber ich hätte nicht gedacht, dass es zu politischen Spannungen zwischen Deutschland und Polen kommen würde, wie es sie gerade gibt.
teleschau: Wissen Sie, wie Lech Walesa auf den Film reagierte?
Schlöndorff: Mir ist berichtet worden, dass er den Film schmunzelnd abgenickt hätte. Er wird in "Strajk" in seiner leichtfertigen Art gezeigt. Er ist hier noch nicht der spätere Staatsmann. Sondern der einfache Elektriker.
-- Andreas Fischer (© teleschau - der mediendienst)
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