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Bilder aus der Postfotografie
Tim Otto Roth zeigt »Imachinationen« im Wiener Museum Moderner Kunst / Zahl Pi als Komponist

Mit einer Installation im Museum Moderner Kunst der Stiftung Ludwig in Wien hat der Oppenauer Künstler Tim Otto Roth einen weiteren Meilenstein in seiner Karriere gesetzt. Sein Projekt »100 Imachinationen« ist dort noch bis zum 18. Mai zu sehen.
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»Tag 378« – eine der »Imachinationen« aus der Wiener Installation. Die Farbigkeit ist durch den drucktechnisch bedingten Wechsel vom Rot-Grün-Blau- in den Vierfarbraum nicht originalgetreu darstellbar. Link zur Livecam: www.imachination.net/news.html.


31.03.2008 - Oppenau. »Café am Eck«, kurz nach 14.30 Uhr, ein paar Minuten zu spät. Tim Otto Roth sitzt schon am Tisch. Ein pünktlicher Künstler. Ein Widerspruch? Wohl eher nicht. Der 33-jährige Oppenauer betreibt eine Art der visuellen Kommunikation, die weitab der traditionellen Abbildungsweise funktioniert In der auch die Mathematik, Physik, Biologie und Informatik wichtige Rollen spielen. Und die doch Bilder hervorbringt, wenn auch keine im herkömmlichen, traditionellen Sinne.
»Die Grundfrage ist für mich, wie Bilder aussehen können, die nicht mehr fotografisch sind«, setzt er an. Solche postfotografischen Bilder setzen dort an, wo die herkömmliche Fotografie, die letztlich das zentralperspektivische Bildprogramm der Renaissance fortsetzt, an ihre Grenzen stößt. Einen der wenigen großen Brüche stellt für ihn die Entdeckung der Röntgenbilder 1895 dar. »Das Dilemma postfotografischer Bilder zeigt sich sehr deutlich bereits an Röntgenbildern: Diese brechen mit traditionellen Sehmuster und sind dadurch schwer lesbar.«
Ob es sich für den Zuschauer hierbei wirklich um ein Dilemma oder die Eröffnung neuer, spannender Fragestellungen handelt – das muss jeder mit sich selbst ausmachen. So stellt sich bei Roths Projekt »Imachinationen« die eine oder andere interessante Frage. Roth formuliert eine von ihnen: »Wo ist das Bild eigentlich wenn es aus dem Netz kommt – auf der Projektionsfläche, im Rechner oder auf dem Server?« Ein ganz schön kniffliger Denkansatz.
14 Dezimalstellen
Konkret füllen die »Imachinationen« in der mit »genau+anders« betitelten Wiener Großausstellung zu Kunst und Mathematik einen eigenen abgedunkelten Raum, an dessen Stirnfläche sie wandfüllend projiziert sind

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Was der Besucher in dieser Technohöhle zu sehen bekommt, lässt sich anhand einer kindlichen Spielerei verdeutlichen. Ein Stein wird in einen Teich geworfen und überlagert sich mit den Wellen eines zweiten Steins. Auf ähnlich Weise funktionieren die »Imachinationen«, die ein vertikales Wellenmuster verwenden, deren Höhen und Täler unterschiedlich eingefärbt sind. Hier kommt nun Pi ins Spiel. Jeweils 14 Ziffern legen fest, wie viele Wellen ein Muster hat und welche Farben aus dem Rot-Grün-Blau-Farbsystem dargestellt werden. Jeden Tag überlagern sich zwei Wellenmuster, von denen eines am nächsten Tag durch ein neues ausgetauscht wird.
Eine weitere faszinierende Entdeckung ist die Relativität der gefühlten Zeit. »Natürlich ist ein Tag keine lange Lebensdauer für ein Bild«, gibt Roth zu. Ein Tag kann jedoch sehr lang sein, wenn der Betrachter weiß, dass irgendwann ein Wechsel der Projektion ansteht, dass es sich bei den »Imachinationen« um einen Videoclip handelt; nur in Superzeitlupe.
Mit der Vergänglichkeit seiner Werke kann Roth gut leben. »Die fest definierte zeitliche Begrenzung verleiht dem Werk auch eine große Leichtigkeit«, findet er.
Doch noch einmal zurück zur Zahl Pi. Warum gerade sie? Weil Pi als irrationale Zahl, eine unendlich lange Ziffernfolge beschert, die mit einem Bruch nicht darstellbar ist. »Zum einen ist Pi die irrationale Zahl, von der die meisten Stellen berechnet sind«, erklärt er. Zudem gebe es in der Ziffernfolge keinerlei erkennbare Muster, was die Abfolge der erzeugten Bilder nicht vorhersehbar macht. Was andererseits wiederum überhaupt nicht stimmt: »Wenn ich wollte, könnte ich ausrechnen, was an einem ganz bestimmten Tag zu sehen ist.« Zudem sei Pi dank der Verbindung mit dem Kreis leichter zu erfassen als beispielsweise die Quadratwurzel aus zwei.
Nachtwächter begeistert
Dass seine Kunst mehr ist als das ausgetüftelte Zusammenwirken von Wissenschaft, Technik und Farbe, davon ist Roth naturgemäß überzeugt. »Ich glaube, dass sich bei jedem Menschen eine Irritation einstellt, wenn er eine Imachination eine Zeit lang betrachtet.«
Vielleicht rührt diese Überzeugung zu einem Stück auch aus der Begegnung mit einem Nachtwächter her, der beim Projekt 2002 in Kassel tätig war. Ihm begegnete Roth öfters, als er nachts Fotos seiner Projektionen aufnahm. »Er hat zu mir gesagt, er versteht das nicht. Ich hab’s ihm in zwei Minuten erklärt.« Die nachdenkliche Reaktion des Mannes laut Roth: »Das macht Sinn.«

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