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Appenweier – Achern in 2,5 Stunden
Baustellen, Unfälle, Staus: Die Fahrt über die Autobahn 5 ist auch zum Ferienbeginn ein nervenaufreibendes Geduldsspiel / Eine Reportage
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© Kay Wagner
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Typischer Bild: Stau auf der A5
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24.07.2010 - Es geht nicht vorwärts. Rückwärts auch nicht. Nur auf der Gegenfahrbahn rollt der Verkehr. Holger Jung aus Wiesbaden nimmt es gelassen. Die Türe seines Autos ist geöffnet, die Fensterscheibe runtergekurbelt Seine nackten Beine ragen lang gestreckt aus dem Auto he-
raus, die Füße liegen auf der Unterkante des Fensterrahmens: der Fahrersitz als Liegestuhl. Mitten auf der Autobahn. »Na, haste alles schön drauf?«, fragt Jung, als ich den Fotoapparat vom Gesicht entferne. »Schön weiß-braun?« Er lacht, ich lache zurück, wir schauen auf seine Füße. Die sind tatsächlich weiß, darüber die Bräune der Sommersonne.
Gewöhnlich rasen Autos über das Pflaster, wo wir uns gerade unterhalten. Autobahn 5, linke Spur, Fahrtrichtung Karlsruhe, irgendwo zwischen Appenweier und Achern. Es ist Freitagnachmittag, mittlerweile 16 Uhr. Und es ist Sommer. Hochsommer sogar, Ferienbeginn in Nordrhein-Westfalen.
Eigentlich hätte ich schon längst woanders sein sollen. »Reisefrust auf der A5«, so der Auftrag aus der Redaktion. Reportage auf dem Rasthof Renchen, Fahrtrichtung Basel. Fragen bei Urlaubern, wie das so ist, zum Ferienbeginn auf der A5. Baustellen ohne Ende. Kilometerlanges Fahren bei Tempo 60 oder 80, aber nur, wenn es fließt. Viel langsamer, wenn der Verkehr allzu dicht wird. Oder gar stehen im Stau, wie Holger Jung. Reisen zwischen gelb markierten Behelfsspuren. Rechts polternde LKW, links die Abgrenzungsmauer. Den drohenden Unfall immer vor Augen. Strapazen für die Nerven, wo man doch schnell ganz woanders sein will. Italien, Frankreich, Spanien rufen. Stattdessen: Nadelöhrfahrt in der Ortenau
»Am besten, du kommst selbst in einen Stau, das wäre der ideale Einstieg für deinen Text«, hatte mir der Assistent von Robby Rheinschnake noch in der Redaktion frotzelnd mit auf den Weg gegeben. Kurz nach der Auffahrt bei Offenburg ertönt der Verkehrsfunk im Radio. Ab Bühl Vollsperrung der A5 Richtung Karlsruhe. Ein LKW sei im Baustellenbereich umgekippt. Ab Appenweier zehn Kilometer Stau.
Ich passiere Appenweier, kein Stau. Es fließt weiter. Ich schöpfe Hoffnung. Vielleicht… Doch da blinken schon die Warnlichter der vor mir fahrenden Autos. Abbremsen, langsames Rollen. Stillstand. Warten. Es ist heiß. Über 30 Grad. Mein Hemd ist schnell verschwitzt.
»Wir sind entspannt, stressig ist es doch nur für die, die in die andere Richtung fahren.« Radomir Homola aus Schöneck bei Frankfurt ist der Erste, den ich mitten auf der Autobahn – statt auf dem Rasthof – anspreche. Drei Wochen Urlaub an der Costa Brava liegen hinter ihm, mit Frau und Wohnwagen.
Ein Polizeihubschrauber knattert am wolkenlosen Himmel über uns hinweg. Homola zeigt auf den Bildschirm seines Navigationsgeräts. Zwischen Rauental und Achern, in der entgegengesetzten Fahrtrichtung, sind überall gelbe Klötzchen zu sehen. Eins hinter dem anderen. Autos im Spielzeugformat. »Die stehen alle fest und wollen in den Urlaub!«, sagt der Mann grinsend. Stören? Nein, stören tue ihn der Stau hier jetzt nicht.
Dann muss ich schnell zurück zu meinem Auto, es geht ein bisschen vorwärts. Um 15.30 Uhr meldet das Radio 130 Kilometer Stau im Sendegebiet. Die A5 bei Bühl ist immer noch gesperrt, auf 20 Kilometer ist die Blechlawine Richtung Appenweier mittlerweile angewachsen. Der Kleintransporter vor mir hat die rechte Tür beim Fahren halb geöffnet. Frischer Wind gegen die Hitze.
Wieder stehen wir. Der Kleintransporter ist noch immer vor mir. Jetzt kommt der Fahrer auf mich zu. »Wollen Sie eine Leiter?«, fragt er. Öffnet den Laderaum, nimmt eine Klappleiter heraus – von erhobener Position aus schieße ich ein Foto. »Wir müssen nur nach Hause«, erzählt Sylvain Bletzacker in perfektem Badisch. Der Elsässer wohnt in Pfaffenhoffen bei Haguenau, Luftlinie gar nicht weit weg. »In Frankreich sind die Autobahnen privatisiert, da lassen die nachts arbeiten«, sagt er. Staus wegen kilometerlanger Baustellen gebe es im Nachbarland deshalb nicht. »Aber in Deutschland gehören die Autobahnen ja dem Staat, oder? Da müssen die ja jetzt arbeiten lassen.«
»In der Schweiz ist alles besser.« Der Fahrer des Brummis mit Schweizer Kennzeichen ist selbst Deutscher, fährt für eine Spedition aus Pratteln, ist gerade auf dem Weg nach Hause. Heidelberg heißt das Ziel. »Hier ist immer Stau, ab nachmittags kann man darauf wetten«, schimpft er. Zur Ferienzeit sei das in Deutschland normal. »Und zusätzlich machen sie dann noch solche Sonderarbeiten wie Kanaldeckel säubern«, zeigt er kein Verständnis für die Sondersituation auf der A5.
Wieder geht es weiter, wieder nur ein paar hundert Meter. Der nächste Stopp ist der, bei dem ich Holger Jung mit seinen weiß-braunen Beinen treffe. Und Marina und Franz Langezaal, mit Hund und Wohnwagen ebenfalls auf der Überholspur wartend. »Das gehört dazu, das ist bei uns in Holland auch so«, sagt Franz. Aus der Schweiz, dem Wallis, fahren sie nach Hause. Übernachten wollen sie in Koblenz, bevor es tags darauf in die eigenen vier Wände bei Den Haag geht. »Wir haben ja zum Glück Klimaanlage, aber die arme Frau da vor uns hat keine«, sagt er.
Der umgekippte LKW bei Bühl ist mittlerweile geborgen, so gibt es der Verkehrsfunk durch. Schneller vorwärts geht es deshalb dennoch nicht. 200 Kilometer Stau sollen es jetzt im Sendegebiet sein. Immer noch 20 Kilometer zwischen Bühl und Appenweier. 14 Kilometer ab Rastatt Richtung Süden.
Um 17.15 Uhr ist die Ausfahrt Achern nur noch einen Kilometer weit entfernt. 17.21 Uhr, ich fahre ab. 17.24 Uhr, ich reihe mich auf der Gegenspur ein. Stau auch hier, aber es fließt. Dann ist die Baustelle zu Ende. Fahren im fünften Gang – ein ungewohntes Gefühl. Auf der Gegenspur steht der Verkehr noch immer. Menschen machen es sich neben ihren Autos so bequem wie möglich, weiß-braune Beine hängen irgendwo auch jetzt aus dem Fenster. Mit Sicherheit.
Auf dem Rasthof Renchtal treffe ich Björn aus Windeck bei Siegburg, Christine aus Krefeld, die Familie Planting aus Leeuwarden, Friesland, Holland. Sie alle sind unterwegs in den Urlaub. Björn nach Italien, Christine nach Griechenland, die Plantings in die Toskana. Die Baustelle, der viele Verkehr? »Irgendwann muss man das halt machen«, zeigt sich Ronald Planting gelassen.
»Wir hatten selbst einen Unfall hinter Baden-Baden, jemand ist uns draufgefahren«, erzählt Christine. Ihr Mann stimmt ein Loblied auf die Pannenhilfe an, auf die badischen Polizisten. »So was von freundlich und hilfsbereit, da können sich unsere in Nordrhein-Westfalen mal eine Scheibe von abschneiden«, sagt er. »Die Kinder haben gequengelt, die Frauen mussten aufs Klo, der Kaffee«, begründet Björn, warum er gerade hier von der Autobahn gefahren ist. Das Baustellenfahren? Nervig? »Schon, aber wenn es dafür bald eine dritte Spur gibt.«
Pkw mit voll gepacktem Laderaum, hochgeklappten Kofferraumtüren. Kinder mit Broten, Erwachsene mit Thermoskannen und Bechern in der Hand. Voll ist der Rasthof nicht, bevölkert dennoch. Dänen, Norweger, Slowaken sind die Exoten. Polen, Belgier, Franzosen. Zahlreiche Holländer, natürlich Deutsche. Heute viele mit Kennzeichen aus Nordrhein-Westfalen.
Ich gehe zurück zu meinem Wagen. »Papa, wann halten wir das nächste Mal?«, höre ich noch ein kleines Mädchen ihren Vater fragen. Den ersten Teil der Antwort verstehe ich nicht. »… wenn alles gut geht«, endet sie. Ich drehe den Schlüssel um und fahre fort.
Der Stau zwischen Appenweier und Bühl beträgt, so höre ich im Radio, immer noch 20 Kilometer.
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